Blogeintrag: Literarische Spielsucht am Wannsee
Einer Einladung folgend verschlägt es mich an den Wannsee – genauer gesagt ins Literarische Colloquium Berlin. Das Gebäude wirkt von außen wie von innen wie eine eigenwillige Mischung aus Filmen und Serien à la Harry Potter, Cluedo und Maxton Hall. Hier finden regelmäßig spannende Lesungen statt, außerdem können Autorinnen und Autoren im Rahmen verschiedener Schreibstipendien ihre Fähigkeiten vertiefen und an ihren Manuskripten feilen.
Das heutige Programm ist jedoch anders als gewohnt: Neben drei Lesungen gibt es ein ebenso überraschendes wie verlockendes Begleitprogramm. Ein Black-Jack- und ein Roulette-Tisch laden in den Lesepausen zum Zocken ein. Alle anwesenden Autor:innen haben Bücher mitgebracht, die sich dem Thema Glücksspiel widmen – von der Euphorie des Gewinnens bis hin zur zerstörerischen Sucht, die vor allem einarmige Banditen und andere zwielichtige Gestalten Menschen abverlangen können.
Gespielt wird hier und heute ausschließlich mit Spielgeld, und zu gewinnen gibt es nur Bücher. Was für eine wohltuende Alternative zu den großen Casinos in Las Vegas. Wie schön wäre es, wenn dort am Morgen die leicht derangierten, immer noch chicen und übermüdeten Spieler:innen ins Sonnenlicht treten würden – die gewonnenen Bücher unterm Arm. Stunden später säßen sie auf den Bänken unter den spärlichen Bäumen an den künstlichen Seen und läsen Der Spieler von Dostojewski oder Das Schachspiel von Stefan Zweig. Vielleicht würde das Las Vegas von Grund auf verändern. Vielleicht sogar zum Guten.
Und für einen Moment wirkt dieser Abend wie ein leiser Gegenentwurf zur grellen Welt des Zufalls: Literatur als Einsatz, Gedanken als Gewinn. Hier werden statt Jetons Sprache und Vorstellungskraft eingesetzt, um beim Publikum einen Rausch auszulösen. Was für eine schöne Idee und was für ein gelungener Winterabend in Berlin.